Unsere Thailand-Reise endet da, wo sie begonnen hat: Im OMF Home in Bangkok. Hier sind wir gestern wieder gelandet, nachdem wir vier sehr schöne Tage auf Ko Chang verbracht haben. Eine liebenswerte Insel mit manch unberührtem Fleckchen Natur, mäßig oder übermäßigen vielen Touristen je nachdem wo man sich befindet und allen Möglichkeiten, Urlaub in vollen Zügen zu genießen. Unsere Vorstellungen von Urlaub gehen allerdings in der konkreten Tagesplanung ein wenig auseinander. Während Sam gern auf dem Bett liegt und nichts tut (außer vielleicht Fernsehen schauen, wobei es ausgerechnet hier Deutsche Welle, den einzigen deutschen Sender nur in Englisch gab…), habe ich dabei immer das bohrende Gefühl, von einem neuen, schönen Fleckchen Erde wegzufahren, ohne etwas davon gesehen zu haben. Naja, wir haben versucht, uns in der Mitte zu treffen. Haben auf dem Rücken eines motorisierten Drahtesel auf wahrlich abenteuerlichen Pisten die Insel erkundet, manchen Berg musste ich dabei leider zu Fuß zurücklegen. Sind bei tropischen Temperaturen stundenlang bergauf und bergab (und das meine ich so, wie ich es sage!) durch den Dschungel gewandert, um einen leider nicht mehr ganz so unberührten Strand wie erhofft zu erreichen. Aber was haben wir schon in Singapur gelernt: Es ist alles eine Frage des Bildausschnitts. An eben diesem Strand hat sich auch direkt die zweite Reiseweisheit dazugesellt: Die schönsten Schneckenhäuser sind immer schon besetzt. Das kann ganz schön frustrierend sein, wenn man nach langem Suchen endlich ein intaktes, ausgesprochen schönes Schneckenhaus findet und dann ein Einsiedlerkrebs mit seinen Stielaugen rausschaut und sich ins Fäustchen lacht… Pech gehabt.
Und wir haben quasi unter Wasser unser neues Hobby entdeckt, als wir mit Schnorchel und Taucherbrille den Fischen bei Fressen zugehört haben (ja, das kann man hören). Die neu erworbenen Kenntnisse hätten wir auch fast am gleichen Abend noch auf der Hotelterrasse anwenden können, als ein heftiger Tropensturm zwei Stunden lang über die Insel fegte.
Es war wirklich schön. Und wenn’s am Schönsten ist, sollte man bekanntlich aufhören.
Auf dem Weg zurück nach Bangkok, noch auf der Insel Ko Chang hatten wir eine denkwürdige Begegnung, die uns noch einige Zeit begleitete (und uns sogar beide bis in unsere Träume verfolgte…). Wir saßen auf dem Songtail, dem öffentlichen Minibus auf dem Weg zum Pier, als zwei junge Männer aus Finnland aufstiegen. Sie hatten nur wenig Gepäck bei sich, um nicht zu sagen zu wenig. Ihre äußerliche Erscheinung war auf den ersten Blick befremdlich, auf den zweiten Blick mehr als besorgniserregend. Schürf-, Platzwunden und Ekzeme, Augenringe, fehlende Zähne, Brandwunden und selbst gestochene Tatoos. Vielleicht waren sie Ende zwanzig, vielleicht jünger. Aber sie sahen verbraucht aus und alt, armselige Gestalten. Ich weiß nicht, ob sie bei klarem Verstand waren, ich bezweifle es stark. Ihr Frühstück bestand aus hartem Alkohol, Zigaretten und ein paar Zügen aus einer Drogenpfeife.
Sie waren höflich, halfen uns beim Absteigen mit dem Gepäck. Es waren nur ein paar Minuten, die wir auf einem Taxi irgendwo in Thailand teilten. Aber ich bekomme sie nicht aus dem Kopf. Was muss geschehen, dass das Leben so endet? Und was muss geschehen, dass das Leben nicht so endet? Gibt es jemanden, der auf die vielen verlorenen Gestalten unserer Gesellschaft (und darüber hinaus) wartet, darauf wartet, dass sie endlich wieder nach Hause kommen?
Wir haben vier wundervolle Wochen in Thailand verbracht und am Sonntag geht es weiter nach Vietnam. Manchmal in den letzten Tagen meldet sich eine leise Stimme, es wird langsam Zeit, nach Hause zu fahren…
Ich verfolge mit wachsender Unruhe die Nachrichten aus Deutschland und Europa. Manches ärgert mich, manches macht mir Sorgen, manches lässt mich fassungslos zurück. Unsere Gedanken fokussieren sich in letzter Zeit immer stärker auf Deutschland. Man mag es Zufall nennen oder nicht, gerade heute war Deutschland auch Thema des täglichen Gebetsanliegen der OMF. Es sind keine störenden Gedanken, es sind konstruktive Gedanken. Manches Problem erscheint aus der Ferne betrachtet nur noch halb so groß, mancher Zusammenhang erschließt sich erst, wenn man etwas Abstand gewinnt.
Auch Stendal taucht immer wieder in unserem Kopf auf. Unsere Mitarbeiter, unsere Kinder und Jugendlichen, unsere Zukunft. Und sie mischen sich in unsere Begegnung auf Ko Chang.
Was muss geschehen, dass ein Leben nicht armselig und hoffnungslos verloren geht?
Ich möchte mich zu mancher, zur Zeit heftigst geführten politischen, gesellschaftlichen und medialen Debatte nicht positionieren. Aber ich vermisse das vereinte verantwortungsvolle Auftreten der deutschen Christen. Zu oft verlieren wir in aller Sorge um unsere öffentliche Erscheinung und in allem Drehen um uns selbst das große Ganze, das Wohl unserer Gesellschaft, unserer Welt, den Wert eines Menschenlebens aus dem Blick.
Vielleicht nehmt ihr heute diesen Gedanken mit, der auch mich beschäftigt: Was muss geschehen, dass ein Leben nicht armselig und verloren endet?
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Wenn Heimat Heimatlosigkeit wird
und Frieden in Krieg sich verkehrt,
hat etwas in Herzen Einzug gehalten,
was nicht in die Herzen gehört.
Wenn Dunkelheit das Licht übermannt
und Angst statt Hoffnung regiert,
wird der Nächste uns fremd und der Bruder zum Feind,
unsre Sehnsucht von Habgier verführt.
Haltet inne und kehrt von der Zwietracht euch ab,
glaubt doch wieder, dass Jesus uns führt!
Wohin sollten wir gehen, wenn nicht an sein Kreuz?
Dort wo Sünde in Freiheit sich kehrt.
Glauben wir, dass unser Handeln es ist,
das die Welt um uns her heller macht?
Jesus blickte nach vorn, sah unsere Not,
sah Schmerz durch liebloses Verhalten
und es kümmerte ihn, als er sprach:
Am Ende wird in vielen Herzen die Liebe erkalten.
© 2014, Stefanie Schmidt