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Sometimes you fall in love…

… with something you’d never imagine.

„Hello! Hello!“ Von allen Seiten schallt uns das wahrscheinlich einzige englische Wort der vietnamesischen Kinder entgegen. Hier sind wir neben einer Handvoll anderer Abenteurer die einzigen Ausländer. Und wir fühlen uns ein bisschen wie ein Ausstellungsstück, alle schauen, winken, grüßen und lachen – vielleicht, weil sie sich freuen, vielleicht, weil sie manchen Spaß auf unsere Kosten machen können ohne dass wir sie verstehen. Wir sind – wieder einmal – im Niemandsland gelandet. Verglichen aber mit dem thailändischen Niemandsland Koh Chang verdient dieses Fleckchen Erde diesen Namen wirklich. Zugegeben, wir sind so abgeschieden, dass ich noch nicht einmal weiß, wie der nächste große Ort heißt. Heute morgen sind wir quasi mit dem Sonnenaufgang hier angekommen, nachdem wir im Nachtzug die ersten 500km auf dem Weg von Hanoi in den Süden zurückgelegt haben.
Hier, an der Grenze zum Phong Nha Nationalpark (nach der Halong Bay schon das zweite, aber sehr unterschiedliche, Welterbe der UNESCO) werden wir die nächsten drei Tage verbringen. Die allermeisten Touristen, die sich hierher verirren, wollen vor allem eines der weltgrößten Höhlensystemen erkunden. Und das ursprüngliche, unberührte Vietnam kennenlernen.
Wenn ich jetzt hier zwischen grünen Reisfeldern stehe, die Berge am Horizont, Schulkinder mit Fahrrädern auf Matschpisten beobachte und nichts höre als das Tuckern eines uralten kleinen Traktors und dem Brüllen der Wasserbüffel kann ich mir kaum vorstellen, dass dieses Fleckchen Erde schon ganz andere Zeiten erlebt hat.
Nur wenige Kilometer hinter unserem Gästehaus kreuzt sich der Ho-Chi-Minh-Trail und der Highway 20, Versorgungsrouten der Vietnamesen im Krieg gegen die Amerikaner vor 40 Jahren. Dieses beschauliche, friedliche Tal hier wurde während des Krieges zehn Jahre lang beschossen und bombardiert und war am Ende nicht mehr als eine Mondlandschaft…
Vietnam – ein wirklich interessantes Land mit einem stolzen Volk, eine Mischung aus dem kommunistischen großen Bruder China und dem quirligen, südostasiatischen Thailand. Wo der große Gründervater Ho Chi Minh, kurz „Uncle Ho“, einbalsamiert im Mausoleum liegt, an jeder zweiten Ecke in Hanoi (Anti-)Kriegspropaganda-Plakate und Shisha-Pfeifen verkauft werden, jede Straße mit der roten Flagge mit gelbem Stern gesäumt ist, alle jungen Leute jede freie Minute bei Facebook surfen, obwohl die Seite offiziell von der Regierung gesperrt wurde und die registrierte Kirche sonntags zwei „europäisch-strukturierte“ Gottesdienste mit jeweils etwa 300 Besuchern feiert, wobei alle Zu-Spät-Kommer nur Stehplätze vor der Tür bekommen. Und trotzdem – nur um einmal einen Größenvergleich anzubringen: Auf etwa 6 Millionen Einwohner in Hanoi kommen 5000 Christen.
Vietnam – ein kurioses Volk. Und ein liebenswertes Volk.

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Hanoi – das Einkaufszentrum ist die Stadt

Hanoi. Am Sonntag in aller Frühe erreichen wir die Hauptstadt Vietnams mit dem Flugzeug aus Bangkok. In unserem Hotel ist man sehr freundlich und es gibt sogar noch ein Frühstück. Als wir unser Zimmer beziehen wollen, stellen wir fest, dass es nicht der von uns gebuchte Raum ist. Der sei erst nachmittags frei. Nachmittags erklärt man uns, dass man uns für eine Nacht in einem anderen Raum unterbringen wird, da unser Raum belegt ist. Naja, mal schauen…

Am Montag früh zeigt man uns den Raum, der erst nachmittags verfügbar sein wird. Die Betten sind ok, aber der Raum ist nur halb so groß, wie gebucht. Nach einigem hin und her stellen wir fest, dass es den im Internet beschriebenen Raum gar nicht gibt. Wir bekommen also ein down-grade, aber wir bekommen kein Geld zurück. Im Laufe der Tage stellen wir fest, dass es auch anderen Reisenden so geht. Die Buchungen im Internet sind also für die Hotels nicht mehr als eine Art Hinweis, dass jemand kommen wird.

Am Mittag treffen wir zwei Europäer, die schon einige Zeit hier leben. Wir genießen ein typisches vietnamesisches Mittagessen und erfahren viele wichtige Dinge über dieses Land und seine Bevölkerung. Das ist wirklich hilfreich, um die Menschen zu verstehen. Natürlich bekommen wir auch Anregungen für Ausflüge, einen Kontakt für Reisebuchungen und eine Erklärung, wie man die öffentlichen Verkehrsmittel hier nutzt. Die Busse sind hier wirklich viel günstiger und wir probieren es direkt aus.

Es ist Dienstag und wir legen auf eigene Faust los. Wir geben unsere Wäsche zum waschen ab, besuchen eine Reisevermittlerin und gehen auf dem Rückweg ins Gefängnis. Besser gesagt in ein Gefängnis-Museum. Während der französischen Besatzung Vietnams wurden hier politische Gefangene unter teilweise unwürdigen Bedingungen eingesperrt. Später diente dieser Ort der Internierung von gefangenen US-Soldaten im Vietnam-Krieg, der hier übrigens der „amerikanische Krieg“ heißt. Wir erfahren einiges über dieses stolze Volk. Vietnam hat sich in langem Kampf von der französischen Ausbeutung befreit, wurde zwischendurch von Japan besetzt und hatte dann fast 10 Jahre gegen die Amerikaner zu kämpfen. Auch danach musste es sich noch gegen China wehren. Erst Mitte der 80er Jahre hat sich die Wirtschaft durch die Reform, die Perestroika erholt. Heute sind 70% aller Vietnamesen unter 30 Jahre alt, man exportiert Reis, Kaffee, Kleidung und vor allem Handys.

Auf Mittwoch habe ich mich gefreut. Wir machen eine dreistündige Street-Food-Tour. Wir gehören zu einer 10köpfigen Gruppe und werden von Miss Moon durch die Straßen geführt. Wir essen eine typische Suppe, eine Art Donut-Baguette, vietnamesische Pfannkuchen, eine Art Zucker-Snack, zwei Sorten frittierte Frühlingsrolle, einen Obstsalat, gegrillte Hackbällchen mit Reisnudeln und trinken ein lokales Bier und einen Kaffee mit Eierschaum. Zwar sind unsere Mägen irgendwann restlos gefüllt, aber wir haben viele Sachen ausprobiert, die wir sonst nie gegessen hätten. Wir waren in Restaurants in kleinen Nischen und haben das gegessen, was auch die Menschen hier futtern. Eine spannende Sache. Bei unserer Tour haben wir drei weitere Europäer aus Deutschland, Italien und Portugal kennengelernt und uns direkt zum gemeinsamen Abend verabredet.

Hanoi hat viele Straßen, die so heißen, wie die Geschäfte, die dort sind. Eine Seiden-Straße, eine Maler-Straße, eine Obst-Straße, eine Cafe-Straße usw. Wir waren heute Abend in der Bierstraße. Diese Straße grenzt direkt an die Shisha-Straße. Was man hier machen konnte, könnt ihr euch denken. Das gezapfte Bier kostet nur 25 Cent und da haben wir uns doch direkt auch noch eine Runde Shisha geleistet. Diese beiden Straßen sind abends rappelvoll mit Jugendlichen. Es wird gefeiert, gesungen und getanzt. Der Höhepunkt ist gegen 22 Uhr erreicht. Ab dann ist das Fassbier aus und man muss auf das teurere Flaschenbier umsteigen. Um 23.30 Uhr ist Sperrstunde und dann leert sich das Viertel so schnell, wie es sich gefüllt hat. Eine Sache ist hier nämlich anders als in vielen Ecken Deutschlands. Hier haben alle Jugendlichen einen Job und müssen am nächsten Morgen raus. Rumhängen, nichts tun und Geld vom Staat abgreifen haben wir hier noch nicht entdeckt. Das finde ich hier toll.

Die zweite Sache, die ich bewundere ist, dass man es geschafft hat ohne große Einkaufszentren auszukommen. Hier ist die ganze Stadt ein Einkaufszentrum. In der Möbel-Straße gibt es weit mehr als einen Kilometer Laden an Laden. Davon leben gefühlte 200 Familien und jeder verdient so viel, wie er zum Leben braucht. Hier steckt sich kein geiziger Ikea-Boss das Geld in die Taschen. So geht es mit jedem Gewerbe. Die Auswahl ist so groß wie bei uns, aber hier leben alle davon. Das finde ich schön und bewundernswert.

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Die besten Schneckenhäuser sind immer schon besetzt

Unsere Thailand-Reise endet da, wo sie begonnen hat: Im OMF Home in Bangkok. Hier sind wir gestern wieder gelandet, nachdem wir vier sehr schöne Tage auf Ko Chang verbracht haben. Eine liebenswerte Insel mit manch unberührtem Fleckchen Natur, mäßig oder übermäßigen vielen Touristen je nachdem wo man sich befindet und allen Möglichkeiten, Urlaub in vollen Zügen zu genießen. Unsere Vorstellungen von Urlaub gehen allerdings in der konkreten Tagesplanung ein wenig auseinander. Während Sam gern auf dem Bett liegt und nichts tut (außer vielleicht Fernsehen schauen, wobei es ausgerechnet hier Deutsche Welle, den einzigen deutschen Sender nur in Englisch gab…), habe ich dabei immer das bohrende Gefühl, von einem neuen, schönen Fleckchen Erde wegzufahren, ohne etwas davon gesehen zu haben. Naja, wir haben versucht, uns in der Mitte zu treffen. Haben auf dem Rücken eines motorisierten Drahtesel auf wahrlich abenteuerlichen Pisten die Insel erkundet, manchen Berg musste ich dabei leider zu Fuß zurücklegen. Sind bei tropischen Temperaturen stundenlang bergauf und bergab (und das meine ich so, wie ich es sage!) durch den Dschungel gewandert, um einen leider nicht mehr ganz so unberührten Strand wie erhofft zu erreichen. Aber was haben wir schon in Singapur gelernt: Es ist alles eine Frage des Bildausschnitts. An eben diesem Strand hat sich auch direkt die zweite Reiseweisheit dazugesellt: Die schönsten Schneckenhäuser sind immer schon besetzt. Das kann ganz schön frustrierend sein, wenn man nach langem Suchen endlich ein intaktes, ausgesprochen schönes Schneckenhaus findet und dann ein Einsiedlerkrebs mit seinen Stielaugen rausschaut und sich ins Fäustchen lacht… Pech gehabt.
Und wir haben quasi unter Wasser unser neues Hobby entdeckt, als wir mit Schnorchel und Taucherbrille den Fischen bei Fressen zugehört haben (ja, das kann man hören). Die neu erworbenen Kenntnisse hätten wir auch fast am gleichen Abend noch auf der Hotelterrasse anwenden können, als ein heftiger Tropensturm zwei Stunden lang über die Insel fegte.
Es war wirklich schön. Und wenn’s am Schönsten ist, sollte man bekanntlich aufhören.

Auf dem Weg zurück nach Bangkok, noch auf der Insel Ko Chang hatten wir eine denkwürdige Begegnung, die uns noch einige Zeit begleitete (und uns sogar beide bis in unsere Träume verfolgte…). Wir saßen auf dem Songtail, dem öffentlichen Minibus auf dem Weg zum Pier, als zwei junge Männer aus Finnland aufstiegen. Sie hatten nur wenig Gepäck bei sich, um nicht zu sagen zu wenig. Ihre äußerliche Erscheinung war auf den ersten Blick befremdlich, auf den zweiten Blick mehr als besorgniserregend. Schürf-, Platzwunden und Ekzeme, Augenringe, fehlende Zähne, Brandwunden und selbst gestochene Tatoos. Vielleicht waren sie Ende zwanzig, vielleicht jünger. Aber sie sahen verbraucht aus und alt, armselige Gestalten. Ich weiß nicht, ob sie bei klarem Verstand waren, ich bezweifle es stark. Ihr Frühstück bestand aus hartem Alkohol, Zigaretten und ein paar Zügen aus einer Drogenpfeife.
Sie waren höflich, halfen uns beim Absteigen mit dem Gepäck. Es waren nur ein paar Minuten, die wir auf einem Taxi irgendwo in Thailand teilten. Aber ich bekomme sie nicht aus dem Kopf. Was muss geschehen, dass das Leben so endet? Und was muss geschehen, dass das Leben nicht so endet? Gibt es jemanden, der auf die vielen verlorenen Gestalten unserer Gesellschaft (und darüber hinaus) wartet, darauf wartet, dass sie endlich wieder nach Hause kommen?
Wir haben vier wundervolle Wochen in Thailand verbracht und am Sonntag geht es weiter nach Vietnam. Manchmal in den letzten Tagen meldet sich eine leise Stimme, es wird langsam Zeit, nach Hause zu fahren…
Ich verfolge mit wachsender Unruhe die Nachrichten aus Deutschland und Europa. Manches ärgert mich, manches macht mir Sorgen, manches lässt mich fassungslos zurück. Unsere Gedanken fokussieren sich in letzter Zeit immer stärker auf Deutschland. Man mag es Zufall nennen oder nicht, gerade heute war Deutschland auch Thema des täglichen Gebetsanliegen der OMF. Es sind keine störenden Gedanken, es sind konstruktive Gedanken. Manches Problem erscheint aus der Ferne betrachtet nur noch halb so groß, mancher Zusammenhang erschließt sich erst, wenn man etwas Abstand gewinnt.
Auch Stendal taucht immer wieder in unserem Kopf auf. Unsere Mitarbeiter, unsere Kinder und Jugendlichen, unsere Zukunft. Und sie mischen sich in unsere Begegnung auf Ko Chang.
Was muss geschehen, dass ein Leben nicht armselig und hoffnungslos verloren geht?
Ich möchte mich zu mancher, zur Zeit heftigst geführten politischen, gesellschaftlichen und medialen Debatte nicht positionieren. Aber ich vermisse das vereinte verantwortungsvolle Auftreten der deutschen Christen. Zu oft verlieren wir in aller Sorge um unsere öffentliche Erscheinung und in allem Drehen um uns selbst das große Ganze, das Wohl unserer Gesellschaft, unserer Welt, den Wert eines Menschenlebens aus dem Blick.
Vielleicht nehmt ihr heute diesen Gedanken mit, der auch mich beschäftigt: Was muss geschehen, dass ein Leben nicht armselig und verloren endet?

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Wenn Heimat Heimatlosigkeit wird
und Frieden in Krieg sich verkehrt,
hat etwas in Herzen Einzug gehalten,
was nicht in die Herzen gehört.

Wenn Dunkelheit das Licht übermannt
und Angst statt Hoffnung regiert,
wird der Nächste uns fremd und der Bruder zum Feind,
unsre Sehnsucht von Habgier verführt.

Haltet inne und kehrt von der Zwietracht euch ab,
glaubt doch wieder, dass Jesus uns führt!
Wohin sollten wir gehen, wenn nicht an sein Kreuz?
Dort wo Sünde in Freiheit sich kehrt.

Glauben wir, dass unser Handeln es ist,
das die Welt um uns her heller macht?

Jesus blickte nach vorn, sah unsere Not,
sah Schmerz durch liebloses Verhalten
und es kümmerte ihn, als er sprach:
Am Ende wird in vielen Herzen die Liebe erkalten.

© 2014, Stefanie Schmidt