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Ey, Abba!

Camp Lodge, Ein Gedi

In der Ferne flimmern die Lichter einer jordanischen Stadt, auf der anderen Seite des Toten Meeres. Die Camplodge in der Wüste ist voll. Meine leise Hoffnung auf eine entspannte Nacht unter dem Sternenhimmel hat sich zerschlagen. Stattdessen: Campen mit 100 anderen. Junge Backpacker, vorrangig aus Europa, Sportler die zum „International Ein Gedi Race“ angereist sind (schlechtes Timing für uns…) und israelische Familien auf Wochenend-Ausflug. Im Zelt nebenan wohnt heute Nacht eine solche. Während wir uns Pitabrot und Hummus reinschieben, rennt die kleine Tochter laut rufend unzählige Male an uns vorbei – immer hin und her zwischen Mama, die das kleine Geschwisterchen schlafen legt und Papa, der in der „Camp-Küche“ das Abendessen kocht. Beim dritten Mal verstehe ich, was sie ruft: „Ey, Abba!“ Hey, Papa! Ich wollte mal fragen… Hey Papa, die Mama hat gesagt… Hey Papa, ich wollte dir noch erzählen…

Unweigerlich kommt mir ein Bibeltext in den Sinn, in dem Jesus seinen Freunden erklärt, wie sie beten sollen: Ey, Abba…

Was für ein schönes Bild: Gott als Papa, der immer ein offenes Ohr hat und der sich (nach dem Kochen) mit allen Kindern auf dem Schoß für eine Runde Gruppenkuscheln in einen Plastikstuhl quetscht. Vor uns liegt eine Woche Israel. Eine Reise durch das Land der Bibel.

Wadi David

Da Übernachtungen im Zelt meist frühes Aufwachen mit sich bringen stehen wir pünktlich um acht vor dem Nationalparkzentrum des Wadi David, um den Tag mit einem Kaffee und einer kleinen Wanderung zu beginnen. Die Tour entpuppt sich am Ende als gar nicht so klein, aber in jedem Fall lohnenswert – vor allem, da wir zu so früher Stunde das Wadi quasi nur mit den Klippdachsen, Steinböcken und einer Handvoll anderer Frühaufsteher teilen müssen. Natürlich verleiten die Wasserbecken, die der kleine Fluss auf seinem Weg durch die enge Schlucht immer wieder aufstaut, zum Baden. Auf dem Rückweg von der kleinen Grotte oberhalb des „David-Wasserfalls – in der sich angeblich David vor König Saul vor rund 4000 Jahren versteckt haben soll – sind nicht nur die Pools, sondern gefühlt jeder Zentimeter Wadi gefüllt mit Besuchern – Touristengruppen aus aller Herren Ländern und Familien auf Shabbat-Ausflug. Wir flüchten vor Sonne und Menschenmassen ins Auto und setzen unseren Weg fort – gen Jerusalem.

Das Tote Meer zu Füßen

Angeblich wird unser neues Lieblingswort. Denn in ganz Israel gibt es sakrale Orte, denen alle möglichen Bedeutungen zugemessen werden. Angeblich echte Fußspuren von Jesus neben angeblich echten Auffindungsorten von Grab, Kreuz, Krippe etc. Diese „hier-hat-angeblich-das-und-das-wirklich-stattgefunden-Vermarktung“ nimmt an manchen Stellen ziemlich groteske Züge an. Aber natürlich darf jeder selbst entscheiden, was er sich anschaut und was nicht.

Wir schauen uns auf alle Fälle spontan die Jerusalemer Altstadt an. Besser gesagt, wir stolpern ziemlich planlos hinein, da in unserer Unterkunft niemand anzutreffen ist. Planlos ist dabei der richtige Begriff – ohne die geringste Ahnung, wohin welcher Weg führt (und wo wir eigentlich hin wollen) stehen wir irgendwie auf einmal vor der Klagemauer – ohne Kopfbedeckung, mit viel zu kurzen Hosen (wir kamen ja gerade aus der warmen Wüste) und das auch noch am Shabbat…

Statt ausgedehnter Altstadt-Besichtigung beschließen wir, es dann doch lieber noch mal mit dem Einchecken zu versuchen. Die Unterkunft ist – gelinde gesagt – nichts für schwache Nerven. Ein Lärmpegel, als würde man auf dem Mittelstreifen der Autobahn zelten. Wir beschließen deshalb, die Zelte direkt wieder abzubrechen und begeben uns auf die etwas verzweifelte Suche nach einer Alternative. Die findet sich tatsächlich – in einem Hotel zum Sonderpreis im jüdischen Viertel der Altstadt. Hoppla, da sind wir wieder! Diesmal mit langen Hosen – und einer Menge Vorfreude im Gepäck. Ey Abba, danke!

Jerusalemer Altstadt

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